
Wir sehen nur einen Ausschnitt – und nennen ihn manchmal die ganze Geschichte
- Hannen Sonja

- 10. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie schnell ich immer noch Menschen beurteile.
Wir hören etwas, sehen eine Situation – und schon bilden wir uns eine Meinung. Wir interpretieren, vermuten und glauben zu wissen, warum jemand etwas getan oder entschieden hat.
Doch wissen wir es wirklich?
Wir kennen meistens nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben eines Menschen. Wir wissen nicht, was sich in ihm über Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre bewegt hat. Welche Gedanken, Zweifel, Ängste oder Gefühle ihn begleitet haben. Und oft kennen wir auch nicht die vielen Gespräche und inneren Prozesse, die einer Entscheidung vorausgegangen sind.
Gerade bei persönlichen Entscheidungen urteilen wir schnell:
„Das hätte ich niemals gemacht.“
„Wie kann man nur?“
„Warum hat sie oder er nicht einfach …?“
Doch wir leben nicht das Leben dieses Menschen.
Und vielleicht gibt es Entscheidungen, die wir gar nicht beurteilen müssen. Entscheidungen, die nicht unser Leben betreffen und über die uns schlicht die Grundlage fehlt, ein Urteil zu fällen.
Denn es kann anmaßend sein, über einen Menschen zu urteilen oder ihn wegen einer persönlichen Entscheidung abzulehnen, wenn wir seinen Weg nicht kennen.
Wir müssen nicht jede Entscheidung verstehen.
Wir müssen sie auch nicht gutheißen.
Aber vielleicht dürfen wir akzeptieren, dass jeder Mensch das Recht hat, seinen eigenen Weg zu gehen – auch wenn dieser Weg für andere nicht nachvollziehbar ist.
Eine Frage, die ich mir selbst immer wieder stelle, ist:
Was weiß ich wirklich – und was interpretiere ich gerade nur?
Denn jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte in sich. Eine Geschichte, die oft viel tiefer und komplexer ist, als das, was von außen sichtbar wird.
Ein Mensch ist nicht nur eine Entscheidung.
Nicht nur ein Fehler.
Nicht das, was andere über ihn erzählen.
Vielleicht beginnt echtes Verständnis genau dort, wo wir aufhören, vorschnell zu urteilen.
Und vielleicht ist das manchmal das Menschlichste, was wir einem anderen schenken können:
Raum. Verständnis. Respekt. Und die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen.
Sonja Hannen
Praxis für Körper.Geist.Seele




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